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Klinik, Pflege & Gesundheitsversorgung

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Klinik · 8 min

Notaufnahme-Triage nach Manchester — wie ein britisches System die deutsche ZNA strukturiert

Das Manchester Triage System ist seit zwanzig Jahren der De-facto-Standard in deutschen Zentralen Notaufnahmen. Eine Einführung in die Logik, die Stärken — und die Schwächen, die bei Überlastung sichtbar werden.

In jeder deutschen Zentralen Notaufnahme — abgekürzt ZNA, der Begriff hat sich seit den frühen 2000er Jahren durchgesetzt — wird in den ersten Minuten nach Eintreffen einer Patientin oder eines Patienten eine Entscheidung gefällt, die den weiteren Verlauf der nächsten Stunden bestimmt. Eine Pflege­fachkraft wirft einen Blick, stellt Fragen, misst, ordnet ein. Am Ende steht eine Farbe: rot, orange, gelb, grün, blau. Diese Farbe entscheidet, ob die Person sofort behandelt wird oder ob sie sich auf eine längere Wartezeit einstellen muss. Sie entscheidet damit auch, wer im Falle gleichzeitiger Belastung Vorrang hat — und wer warten muss.

Diese Logik heißt Manchester Triage System, kurz MTS. Sie ist nicht in Deutschland entwickelt worden, sie ist nicht spezifisch auf das deutsche Gesundheits­system zugeschnitten, und doch ist sie an etwa 75 bis 80 Prozent der deutschen ZNAs der Triage-Standard. Wer eine deutsche Notaufnahme betritt, läuft mit hoher Wahr­scheinlichkeit durch eine Tür, die nach Manchester eingestellt ist.

Woher das System kommt

Das MTS wurde Mitte der 1990er Jahre an der Manchester Royal Infirmary entwickelt, ursprünglich als Reaktion auf chronisch über­lastete A&E-Departments im britischen NHS. Die Idee: Eine standardisierte, schulungs­basierte Erst­einschätzung, die unabhängig von der individuellen Erfahrung der triagierenden Person zu reproduzierbaren Ergebnissen führt. Die erste publizierte Version erschien 1997. Eine Version 2 folgte 2006, die heute verwendete Version 3 ist seit 2014 in Kraft, mit der deutschen Übersetzung, die seit etwa 2008 die Verbreitung in Deutschland prägt.

In Deutschland ging die Verbreitung von zwei Häusern aus: der Charité Berlin Campus Mitte (frühe Adoption ab etwa 2003) und dem Klinikum Großhadern in München (parallel ab 2004). Beide Häuser haben die deutsche Übersetzung mitgetragen und in den frühen Schulungs­curricula als Mustereinrichtungen fungiert. Über die Zeit folgten der überwiegende Teil der Universitäts­kliniken und der größeren Schwerpunkt­versorger.

Wie das System funktioniert

Im Kern ist das MTS eine fünfstufige Kategorien­einteilung mit definierten Maximal­wartezeiten:

ROT      Sofortige Behandlung               (0 min)
ORANGE   Sehr dringend                     (10 min)
GELB     Dringend                          (30 min)
GRÜN     Normal                            (90 min)
BLAU     Nicht dringend                   (120 min)

Die Entscheidung wird über 52 Beschwerde­diagramme strukturiert. Jedes Diagramm bildet ein Leit­symptom ab: „Brust­schmerz”, „Erwachsener mit Kopf­schmerz”, „Atemnot”, „Bauch­schmerz Erwachsener”, „Verletzung obere Extremität”, und so fort. In jedem Diagramm steht eine Entscheidungs­hierarchie aus sogenannten „Diskriminatoren”: objektivierbare Befunde, die die Kategorie­zuordnung bestimmen.

Beispiel Brust­schmerz: Die Diskriminatoren lauten (vereinfacht und in der hierarchischen Logik abgebildet):

Aktive Lebensbedrohung?          → ROT
Schock-Zeichen?                  → ROT
Akute Atemnot?                   → ROT
Schmerz sehr stark (NRS 8–10)?   → ORANGE
Auffälliges EKG bereits bekannt? → ORANGE
Schmerz mittelstark (NRS 4–7)?   → GELB
Schmerz leicht (NRS 1–3)?        → GRÜN
Keine Schmerzen mehr?            → BLAU

Die triagierende Person arbeitet das Diagramm von oben nach unten ab. Der erste zutreffende Diskriminator bestimmt die Kategorie. Das ist methodisch wichtig: Es ist eine deterministische Entscheidungs­logik, keine Gewichtungs­heuristik. Was die Reproduzierbarkeit erleichtert und die Schulung handhabbar macht.

Wer triagiert — und wie geschult

In der deutschen Praxis triagieren ausnahmslos Pflege­fachkräfte, in der Regel mit der Fach­weiter­bildung Notfall­pflege oder mit einer dedizierten MTS-Schulung. Die Schulung selbst dauert zwischen sechs und zehn Tagen, je nach Anbieter (in Deutschland überwiegend über das Deutsche MTS-Referenz­zentrum oder über die Bildungs­akademien der Universitäts­kliniken).

Die Schulung beinhaltet theoretische Einführung in die 52 Diagramme, praktische Fallübungen, und einen Abschluss­test mit Mindest­quote. Eine Re-Zertifizierung ist alle zwei Jahre vorgesehen. Die Realität — auch hier ein typisches deutsches Implementations­problem — entspricht nicht immer der Vorgabe; an manchen kleineren ZNAs wird die Re-Zertifizierung verschoben oder durch interne Schulungen ersetzt.

Die Triage erfolgt innerhalb der ersten zehn Minuten nach Eintreffen der Person an der ZNA-Anmeldung. Der zeitliche Anspruch wird im Mittel eingehalten; bei starker Auslastung verschiebt er sich auf 15 bis 25 Minuten.

Was MTS gut kann

Die methodische Stärke des Systems ist seine Inter-Rater-Reliabilität. Mehrere Validierungs­studien — die wichtigste ist die Multi-Center-Validierung von Mackway-Jones et al. 2014, deutsche Replikationen unter anderem aus Aachen 2017 und Leipzig 2021 — haben gezeigt, dass unter­schiedliche triagierende Pflege­kräfte bei demselben Patienten in 70 bis 85 Prozent der Fälle dieselbe Kategorie wählen. Cohens Kappa-Werte liegen zwischen 0.70 und 0.85, was nach der gängigen Konvention „substantielle Überein­stimmung” bis „nahezu perfekte Überein­stimmung” bedeutet.

Zur Einordnung: Frei-Hand-Triage durch erfahrene Ärzt:innen erreicht in vergleichbaren Studien Kappa-Werte zwischen 0.40 und 0.60. Das MTS ist also methodisch nicht „besser” im Sinne einer höheren medizinischen Treff­sicherheit, aber es ist deutlich besser im Sinne der Reproduzierbarkeit. Was an einem System, das in Spitzen­zeiten von 25 verschiedenen Pflege­kräften pro 24 Stunden bedient wird, der entscheidende Vorteil ist.

Hinzu kommen:

  • Schulungs­standardisierung. Die deutsche MTS-Version ist über das Referenz­zentrum einheitlich. Eine Pflege­kraft, die in Hamburg geschult wurde, kann in München arbeiten.
  • Internationale Vergleichbarkeit. Daten aus deutschen ZNAs lassen sich mit britischen, niederländischen, portugiesischen, irischen Daten direkt vergleichen — was für die Versorgungs­forschung wesentlich ist.
  • Dokumentations­tauglichkeit. Die Kategorien sind in den gängigen KIS-Systemen (Dedalus, Cerner, Meierhofer, Nexus) implementiert; die Triage-Daten gehen in die Auswertung der ZNA-Performance und in die Qualitäts­berichte ein.

Was MTS nicht gut kann

Drei Schwächen sind methodisch und praktisch dokumentiert.

Erstens: Multimorbide ältere Patient:innen werden tendenziell unter-triagiert. Die Diskriminator-Logik orientiert sich an objektivierbaren Akut­befunden. Wer mit 84 Jahren, sieben Diagnosen und neun Medikamenten mit leichten Allgemein­symptomen kommt, fällt in die Kategorie Gelb oder Grün — obwohl die Vulnerabilität faktisch hoch ist. Die deutsche Versorgungs­forschung (Untersuchung des Forschungs­verbunds AKTIN über alle teilnehmenden ZNAs 2022/23) zeigt, dass die Sterblichkeit innerhalb von 30 Tagen nach ZNA-Vorstellung bei MTS-Gelb-triagierten über 80-Jährigen bei 8,2 Prozent liegt — fast doppelt so hoch wie bei gleichaltrigen Orange-triagierten. Was nicht heißt, dass die Triage falsch ist, sondern dass das Konzept einer akut­bezogenen Triage die geriatrische Population systematisch unterschätzt.

Zweitens: Psychiatrische Notfälle passen schlecht ins Schema. Die 52 Diagramme decken psychische Krisen über drei Leit­symptome ab („Selbst­schädigung”, „auffälliges Verhalten”, „akute psychische Veränderung”). Die Diskriminatoren sind eng — Suizid­äußerung, akute Erregung, akute Psychose — und lassen die häufigeren Fälle (depressive Krise ohne akute Suizidalität, Angst­krise, kompensierte Substanz­problematik) in der Regel in Grün oder Gelb landen. Was zu langen Warte­zeiten führt, die für psychiatrische Patient:innen besonders belastend sind, weil die ZNA-Umgebung — Lärm, Licht, gemischte Patienten­gruppe — schwer aushaltbar ist. Die DGPPN hat 2024 ein Positions­papier zur „triage­gerechten Aufnahme psychiatrischer Notfälle” vorgelegt, das ergänzende Triage-Tools fordert.

Drittens: Strukturelle Verletzung der Zeit­vorgaben bei Überlastung. Die Maximal­wartezeiten sind als Versorgungs­standard formuliert. Bei normaler Auslastung werden sie eingehalten. Bei der typischen Belastung deutscher ZNAs im Spät- und Nacht­dienst werden sie systematisch überschritten. Die AKTIN-Daten 2023 zeigen, dass Grün-triagierte Patient:innen im Bundes­durchschnitt 164 Minuten warten — das Mehr­fache der vorgesehenen 90 Minuten. Bei Gelb-Triage ist die Über­schreitung weniger drastisch, aber konstant. Das ist nicht ein Fehler des Systems. Es ist ein Hinweis darauf, dass das System die Über­lastung sichtbar macht, statt sie zu lösen.

Alternative Systeme im DACH-Raum

Zwei andere Systeme sind bedeutsam.

Der Emergency Severity Index (ESI), in den USA entwickelt, ist ebenfalls fünfstufig, aber methodisch grund­verschieden. Während MTS auf der Schwere des Akut­befundes basiert, basiert ESI auf der prognostizierten Ressourcen­nutzung — wie viele Konsile, Bildgebungen, Laborabnahmen wird die Person voraussichtlich brauchen? Stufe 1 ist „sofort”, Stufe 5 ist „keine Ressourcen”. In Deutschland selten implementiert, an einzelnen Häusern (Heidelberg um 2018) versucht und wieder verlassen, weil die Pflege­kompetenz für die Ressourcen­prognose schwer geschult werden kann.

Die Canadian Triage and Acuity Scale (CTAS), kanadisch entwickelt, fünfstufig, kombiniert akute Befund­schwere mit Wieder­vorstellungs­zeiten. CTAS ist methodisch näher am MTS, hat aber detailliertere pädiatrische Adapter (Paeds-CTAS), die in mehreren österreichischen Kinder­kliniken — namentlich der Universitäts­klinik Innsbruck und dem St. Anna Kinderspital Wien — eingesetzt werden. In Deutschland ist CTAS außerhalb der Pädiatrie kaum verbreitet.

Vorhanden sind weiter zwei kleinere Systeme: das Australasian Triage Scale (ATS), fünfstufig, in Australien Standard, in Deutschland nicht verwendet; und das South African Triage Scale (SATS), das in Massen­anfall-Situationen Beachtung findet, aber kein Routine­system für eine ZNA ist.

Wo MTS funktioniert — und wo es an seine Grenzen kommt

Eine Beobachtung zum Schluss, die ohne Polemik gemeint ist. Das MTS ist ein gutes System. Es löst das Reproduzierbarkeits­problem, das es lösen soll. Es schult sich gut, es dokumentiert sich gut, es vergleicht sich gut. Die Häuser, die es konsequent betreiben — die genannten Charité Campus Mitte, das UKE Hamburg, das Klinikum Großhadern, daneben die MHH Hannover und das Klinikum Augsburg — zeigen, wie ein methodisch sauberes Triage-System die Versorgungs­qualität messbar erhöht.

Was das MTS nicht löst, ist die strukturelle Über­lastung. Wenn eine ZNA mit zwei Triage-Plätzen, sechs Behandlungs­räumen und zwölf Schicht­ärzt:innen 220 Patient:innen pro Tag versorgt, dann zeigt MTS präzise an, wer zu lange wartet. Es macht die Über­lastung sichtbar. Aber es behebt sie nicht. Das ist eine Aufgabe der Personal­ausstattung, der Bett­kapazitäten der nachgelagerten Stationen, der ambulanten Versorgungs­struktur — alles Themen, die in einer Triage-Diskussion nicht entschieden werden, die aber jede Triage-Diskussion am Ende einholt.

Das ist, wenn man so will, der ehrliche Befund eines guten Werkzeugs in einem unter­dimensionierten System.


Ressort: Klinik