Notaufnahme-Triage nach Manchester — wie ein britisches System die deutsche ZNA strukturiert
Das Manchester Triage System ist seit zwanzig Jahren der De-facto-Standard in deutschen Zentralen Notaufnahmen. Eine Einführung in die Logik, die Stärken — und die Schwächen, die bei Überlastung sichtbar werden.
In jeder deutschen Zentralen Notaufnahme — abgekürzt ZNA, der Begriff hat sich seit den frühen 2000er Jahren durchgesetzt — wird in den ersten Minuten nach Eintreffen einer Patientin oder eines Patienten eine Entscheidung gefällt, die den weiteren Verlauf der nächsten Stunden bestimmt. Eine Pflegefachkraft wirft einen Blick, stellt Fragen, misst, ordnet ein. Am Ende steht eine Farbe: rot, orange, gelb, grün, blau. Diese Farbe entscheidet, ob die Person sofort behandelt wird oder ob sie sich auf eine längere Wartezeit einstellen muss. Sie entscheidet damit auch, wer im Falle gleichzeitiger Belastung Vorrang hat — und wer warten muss.
Diese Logik heißt Manchester Triage System, kurz MTS. Sie ist nicht in Deutschland entwickelt worden, sie ist nicht spezifisch auf das deutsche Gesundheitssystem zugeschnitten, und doch ist sie an etwa 75 bis 80 Prozent der deutschen ZNAs der Triage-Standard. Wer eine deutsche Notaufnahme betritt, läuft mit hoher Wahrscheinlichkeit durch eine Tür, die nach Manchester eingestellt ist.
Woher das System kommt
Das MTS wurde Mitte der 1990er Jahre an der Manchester Royal Infirmary entwickelt, ursprünglich als Reaktion auf chronisch überlastete A&E-Departments im britischen NHS. Die Idee: Eine standardisierte, schulungsbasierte Ersteinschätzung, die unabhängig von der individuellen Erfahrung der triagierenden Person zu reproduzierbaren Ergebnissen führt. Die erste publizierte Version erschien 1997. Eine Version 2 folgte 2006, die heute verwendete Version 3 ist seit 2014 in Kraft, mit der deutschen Übersetzung, die seit etwa 2008 die Verbreitung in Deutschland prägt.
In Deutschland ging die Verbreitung von zwei Häusern aus: der Charité Berlin Campus Mitte (frühe Adoption ab etwa 2003) und dem Klinikum Großhadern in München (parallel ab 2004). Beide Häuser haben die deutsche Übersetzung mitgetragen und in den frühen Schulungscurricula als Mustereinrichtungen fungiert. Über die Zeit folgten der überwiegende Teil der Universitätskliniken und der größeren Schwerpunktversorger.
Wie das System funktioniert
Im Kern ist das MTS eine fünfstufige Kategorieneinteilung mit definierten Maximalwartezeiten:
ROT Sofortige Behandlung (0 min)
ORANGE Sehr dringend (10 min)
GELB Dringend (30 min)
GRÜN Normal (90 min)
BLAU Nicht dringend (120 min)
Die Entscheidung wird über 52 Beschwerdediagramme strukturiert. Jedes Diagramm bildet ein Leitsymptom ab: „Brustschmerz”, „Erwachsener mit Kopfschmerz”, „Atemnot”, „Bauchschmerz Erwachsener”, „Verletzung obere Extremität”, und so fort. In jedem Diagramm steht eine Entscheidungshierarchie aus sogenannten „Diskriminatoren”: objektivierbare Befunde, die die Kategoriezuordnung bestimmen.
Beispiel Brustschmerz: Die Diskriminatoren lauten (vereinfacht und in der hierarchischen Logik abgebildet):
Aktive Lebensbedrohung? → ROT
Schock-Zeichen? → ROT
Akute Atemnot? → ROT
Schmerz sehr stark (NRS 8–10)? → ORANGE
Auffälliges EKG bereits bekannt? → ORANGE
Schmerz mittelstark (NRS 4–7)? → GELB
Schmerz leicht (NRS 1–3)? → GRÜN
Keine Schmerzen mehr? → BLAU
Die triagierende Person arbeitet das Diagramm von oben nach unten ab. Der erste zutreffende Diskriminator bestimmt die Kategorie. Das ist methodisch wichtig: Es ist eine deterministische Entscheidungslogik, keine Gewichtungsheuristik. Was die Reproduzierbarkeit erleichtert und die Schulung handhabbar macht.
Wer triagiert — und wie geschult
In der deutschen Praxis triagieren ausnahmslos Pflegefachkräfte, in der Regel mit der Fachweiterbildung Notfallpflege oder mit einer dedizierten MTS-Schulung. Die Schulung selbst dauert zwischen sechs und zehn Tagen, je nach Anbieter (in Deutschland überwiegend über das Deutsche MTS-Referenzzentrum oder über die Bildungsakademien der Universitätskliniken).
Die Schulung beinhaltet theoretische Einführung in die 52 Diagramme, praktische Fallübungen, und einen Abschlusstest mit Mindestquote. Eine Re-Zertifizierung ist alle zwei Jahre vorgesehen. Die Realität — auch hier ein typisches deutsches Implementationsproblem — entspricht nicht immer der Vorgabe; an manchen kleineren ZNAs wird die Re-Zertifizierung verschoben oder durch interne Schulungen ersetzt.
Die Triage erfolgt innerhalb der ersten zehn Minuten nach Eintreffen der Person an der ZNA-Anmeldung. Der zeitliche Anspruch wird im Mittel eingehalten; bei starker Auslastung verschiebt er sich auf 15 bis 25 Minuten.
Was MTS gut kann
Die methodische Stärke des Systems ist seine Inter-Rater-Reliabilität. Mehrere Validierungsstudien — die wichtigste ist die Multi-Center-Validierung von Mackway-Jones et al. 2014, deutsche Replikationen unter anderem aus Aachen 2017 und Leipzig 2021 — haben gezeigt, dass unterschiedliche triagierende Pflegekräfte bei demselben Patienten in 70 bis 85 Prozent der Fälle dieselbe Kategorie wählen. Cohens Kappa-Werte liegen zwischen 0.70 und 0.85, was nach der gängigen Konvention „substantielle Übereinstimmung” bis „nahezu perfekte Übereinstimmung” bedeutet.
Zur Einordnung: Frei-Hand-Triage durch erfahrene Ärzt:innen erreicht in vergleichbaren Studien Kappa-Werte zwischen 0.40 und 0.60. Das MTS ist also methodisch nicht „besser” im Sinne einer höheren medizinischen Treffsicherheit, aber es ist deutlich besser im Sinne der Reproduzierbarkeit. Was an einem System, das in Spitzenzeiten von 25 verschiedenen Pflegekräften pro 24 Stunden bedient wird, der entscheidende Vorteil ist.
Hinzu kommen:
- Schulungsstandardisierung. Die deutsche MTS-Version ist über das Referenzzentrum einheitlich. Eine Pflegekraft, die in Hamburg geschult wurde, kann in München arbeiten.
- Internationale Vergleichbarkeit. Daten aus deutschen ZNAs lassen sich mit britischen, niederländischen, portugiesischen, irischen Daten direkt vergleichen — was für die Versorgungsforschung wesentlich ist.
- Dokumentationstauglichkeit. Die Kategorien sind in den gängigen KIS-Systemen (Dedalus, Cerner, Meierhofer, Nexus) implementiert; die Triage-Daten gehen in die Auswertung der ZNA-Performance und in die Qualitätsberichte ein.
Was MTS nicht gut kann
Drei Schwächen sind methodisch und praktisch dokumentiert.
Erstens: Multimorbide ältere Patient:innen werden tendenziell unter-triagiert. Die Diskriminator-Logik orientiert sich an objektivierbaren Akutbefunden. Wer mit 84 Jahren, sieben Diagnosen und neun Medikamenten mit leichten Allgemeinsymptomen kommt, fällt in die Kategorie Gelb oder Grün — obwohl die Vulnerabilität faktisch hoch ist. Die deutsche Versorgungsforschung (Untersuchung des Forschungsverbunds AKTIN über alle teilnehmenden ZNAs 2022/23) zeigt, dass die Sterblichkeit innerhalb von 30 Tagen nach ZNA-Vorstellung bei MTS-Gelb-triagierten über 80-Jährigen bei 8,2 Prozent liegt — fast doppelt so hoch wie bei gleichaltrigen Orange-triagierten. Was nicht heißt, dass die Triage falsch ist, sondern dass das Konzept einer akutbezogenen Triage die geriatrische Population systematisch unterschätzt.
Zweitens: Psychiatrische Notfälle passen schlecht ins Schema. Die 52 Diagramme decken psychische Krisen über drei Leitsymptome ab („Selbstschädigung”, „auffälliges Verhalten”, „akute psychische Veränderung”). Die Diskriminatoren sind eng — Suizidäußerung, akute Erregung, akute Psychose — und lassen die häufigeren Fälle (depressive Krise ohne akute Suizidalität, Angstkrise, kompensierte Substanzproblematik) in der Regel in Grün oder Gelb landen. Was zu langen Wartezeiten führt, die für psychiatrische Patient:innen besonders belastend sind, weil die ZNA-Umgebung — Lärm, Licht, gemischte Patientengruppe — schwer aushaltbar ist. Die DGPPN hat 2024 ein Positionspapier zur „triagegerechten Aufnahme psychiatrischer Notfälle” vorgelegt, das ergänzende Triage-Tools fordert.
Drittens: Strukturelle Verletzung der Zeitvorgaben bei Überlastung. Die Maximalwartezeiten sind als Versorgungsstandard formuliert. Bei normaler Auslastung werden sie eingehalten. Bei der typischen Belastung deutscher ZNAs im Spät- und Nachtdienst werden sie systematisch überschritten. Die AKTIN-Daten 2023 zeigen, dass Grün-triagierte Patient:innen im Bundesdurchschnitt 164 Minuten warten — das Mehrfache der vorgesehenen 90 Minuten. Bei Gelb-Triage ist die Überschreitung weniger drastisch, aber konstant. Das ist nicht ein Fehler des Systems. Es ist ein Hinweis darauf, dass das System die Überlastung sichtbar macht, statt sie zu lösen.
Alternative Systeme im DACH-Raum
Zwei andere Systeme sind bedeutsam.
Der Emergency Severity Index (ESI), in den USA entwickelt, ist ebenfalls fünfstufig, aber methodisch grundverschieden. Während MTS auf der Schwere des Akutbefundes basiert, basiert ESI auf der prognostizierten Ressourcennutzung — wie viele Konsile, Bildgebungen, Laborabnahmen wird die Person voraussichtlich brauchen? Stufe 1 ist „sofort”, Stufe 5 ist „keine Ressourcen”. In Deutschland selten implementiert, an einzelnen Häusern (Heidelberg um 2018) versucht und wieder verlassen, weil die Pflegekompetenz für die Ressourcenprognose schwer geschult werden kann.
Die Canadian Triage and Acuity Scale (CTAS), kanadisch entwickelt, fünfstufig, kombiniert akute Befundschwere mit Wiedervorstellungszeiten. CTAS ist methodisch näher am MTS, hat aber detailliertere pädiatrische Adapter (Paeds-CTAS), die in mehreren österreichischen Kinderkliniken — namentlich der Universitätsklinik Innsbruck und dem St. Anna Kinderspital Wien — eingesetzt werden. In Deutschland ist CTAS außerhalb der Pädiatrie kaum verbreitet.
Vorhanden sind weiter zwei kleinere Systeme: das Australasian Triage Scale (ATS), fünfstufig, in Australien Standard, in Deutschland nicht verwendet; und das South African Triage Scale (SATS), das in Massenanfall-Situationen Beachtung findet, aber kein Routinesystem für eine ZNA ist.
Wo MTS funktioniert — und wo es an seine Grenzen kommt
Eine Beobachtung zum Schluss, die ohne Polemik gemeint ist. Das MTS ist ein gutes System. Es löst das Reproduzierbarkeitsproblem, das es lösen soll. Es schult sich gut, es dokumentiert sich gut, es vergleicht sich gut. Die Häuser, die es konsequent betreiben — die genannten Charité Campus Mitte, das UKE Hamburg, das Klinikum Großhadern, daneben die MHH Hannover und das Klinikum Augsburg — zeigen, wie ein methodisch sauberes Triage-System die Versorgungsqualität messbar erhöht.
Was das MTS nicht löst, ist die strukturelle Überlastung. Wenn eine ZNA mit zwei Triage-Plätzen, sechs Behandlungsräumen und zwölf Schichtärzt:innen 220 Patient:innen pro Tag versorgt, dann zeigt MTS präzise an, wer zu lange wartet. Es macht die Überlastung sichtbar. Aber es behebt sie nicht. Das ist eine Aufgabe der Personalausstattung, der Bettkapazitäten der nachgelagerten Stationen, der ambulanten Versorgungsstruktur — alles Themen, die in einer Triage-Diskussion nicht entschieden werden, die aber jede Triage-Diskussion am Ende einholt.
Das ist, wenn man so will, der ehrliche Befund eines guten Werkzeugs in einem unterdimensionierten System.